Eine wiederkehrende Frage in STWE-Versammlungen seit 2022, unumgänglich 2026. Eine Eigentümerschaft kauft ein Elektroauto, möchte ihre Wallbox am Parking installieren, und die Versammlung stellt fest, dass sie keine klare Antwort hat. Erste Wallbox unsauber montiert, zweite verweigert, weil die Verteilung nicht trägt — Konflikt programmiert. Ein typisches Szenario, das durch eine vorausschauend geplante gemeinsame Infrastruktur vermieden wird.

Dieser Beitrag fasst gute Praktiken zusammen, die wir auf Baustellen zwischen Basel und Solothurn in der Deutschschweiz funktionieren sehen.

Warum sich die gemeinsame Infrastruktur durchsetzt

Der Ansatz «jede Eigentümerschaft installiert ihre Wallbox» funktioniert für die erste, vielleicht zweite. Ab der dritten zeigen sich die Probleme.

Verteilungskapazität. Ein Standardgebäude hat einen Netzanschluss, dimensioniert für historische Nutzungen (allenfalls Elektroheizung, Küchen, Warmwasser). Fünf oder zehn parallele 11-kW-Wallboxen überschreiten die Kapazität schnell. Die naive Lösung wäre eine Anschlussverstärkung beim Netzbetreiber, die für eine STWE 30'000 bis 100'000 CHF kosten kann.

Intelligente Bewirtschaftung. Mit gemeinsamer Infrastruktur und Lastmanagement entfallen diese Mehrkosten. Das System verteilt die verfügbare Leistung dynamisch zwischen aktiven Wallboxen. Alle Fahrzeuge laden, jedoch mit in Echtzeit angepasster Leistung. Über Nacht reicht das, um jedes Fahrzeug vollständig zu laden.

Optische und administrative Kohärenz. Eine gemeinsame Infrastruktur plant Standort, Kabelführung und Beschriftung von Anfang an. Keine punktuellen, unschönen Aufbauten. Eine einzige Ansprechperson für die Wartung.

Kollektive Wertsteigerung. Eine STWE mit fertiger Ladeinfrastruktur wird auf dem Markt attraktiver. Käuferinnen und Käufer von Elektrofahrzeugen suchen aktiv solche Objekte; mehrere Deutschschweizer Verwaltungen bestätigen einen positiven Effekt auf den Wert der Lots.

Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur

Das Konzept ist einfach. Die Infrastruktur wird einmalig für das Gebäude installiert. Jede Eigentümerschaft ergänzt später ihre eigene Wallbox, an dieser Infrastruktur angeschlossen.

Dedizierte Sammelverteilung. Eine eigene Verteilung für die Wallboxen, getrennt von der Hauptverteilung. Erlaubt zentrale Verwaltung und gezielte Wartung.

Leerrohrführung und Kabeltrassen. Einmal verlegte Kabel, bereit für die individuellen Wallboxen. Vermeidet wiederholte Putzarbeiten und improvisierte Durchführungen.

Lastmanagementsystem. Elektronisches Modul, das den Gesamtverbrauch des Gebäudes (inklusive Wallboxen) in Echtzeit überwacht und die jeder Wallbox zugewiesene Leistung dynamisch anpasst, um die Anschlusskapazität nie zu überschreiten.

Individuelle Zähler. Jede Wallbox verfügt über einen geeichten Zähler für die Abrechnung an die Nutzerschaft.

Cloud-Verwaltung. Eine Webplattform (vom Wallbox-Hersteller geliefert) konsolidiert die Verbrauche und ermöglicht die automatische monatliche Abrechnung.

Kosten einer Infrastruktur für eine typische STWE

Konkretes Beispiel: STWE mit 12 Lots, gemeinschaftliches Parking 14 Plätze, 4 Plätze initial ausgerüstet (kurzfristig interessierte Eigentümerschaften), 10 Plätze in Leerrohrführung vorbereitet.

PostenIndikative Kosten
Dedizierte Sammelverteilung2'500 – 4'500 CHF
Leerrohrführung und Trassen 14 Plätze6'000 – 11'000 CHF
Vorverkabelung 4 Initialplätze2'000 – 3'500 CHF
Dynamisches Lastmanagement3'500 – 6'500 CHF
Initiale Wallboxen (4 × Zaptec Pro)6'000 – 9'500 CHF
Montage und Anschlüsse4'500 – 7'000 CHF
Cloud-Plattform (1. Jahr inklusive)0 CHF
Studie und Koordination1'500 – 3'000 CHF
Total Infrastruktur + 4 Wallboxen26'000 – 45'000 CHF

Für die 10 verbleibenden Plätze in Leerrohrführung ergänzt jede Eigentümerschaft später ihre Wallbox für 1'500 bis 2'500 CHF, ohne neue grosse Baustelle.

In der STWE wird dieser Aufwand gemäss Reglement verteilt. Häufig finanzieren alle Eigentümerschaften die Infrastruktur (Leerrohre, Verteilung, Lastmanagement) anteilig nach Tausendsteln; jede Eigentümerschaft finanziert anschliessend bei Bedarf ihre individuelle Wallbox.

Der Versammlungsbeschluss

Der Schritt, der wie beim Solar oft Sorgen bereitet. Einige bewährte Vorgehensweisen.

Reglement lesen. Zuerst die für solche Arbeiten erforderliche Mehrheit prüfen. Die meisten Deutschschweizer Reglemente behandeln die Wallbox-Installation als Verbesserung gemeinschaftlicher Teile, beschlussfähig mit einfacher Mehrheit. Manche älteren Reglemente verlangen qualifizierte Mehrheiten.

Sorgfältiges Beschlussdossier. 6–10 Seiten: Motivation (aktuelle und antizipierte Bedarfe), technische Varianten, Gesamtkosten, Verteilung pro Lot, Zeitplan, Lieferantenwahl. Ein seriöser Installateur liefert dieses Dossier traktandenfertig.

Mehrere Optionen abstimmen. Statt binärer Entscheidung 2 oder 3 Varianten vorlegen (z. B. 4 Wallboxen mit Leerrohrführung 10 Plätze / 8 Wallboxen / nur Leerrohrführung). Erleichtert die Diskussion und löst Blockaden.

Anwesenheit des Installateurs in der Versammlung. Bei grossen STWE sehr nützlich. Eine halbe Stunde Direktaustausch erspart drei Monate nachträgliche Mailfragen.

Antizipation der Einwände. Klassische Fragen: «Warum jetzt, wenn ich kein Elektroauto habe?», «Wer zahlt die Wartung?», «Was geschieht, wenn ich verkaufe?». Klare schriftliche Antworten im Dossier reduzieren Blockaden.

Finanzierungsschemata

In der Deutschschweiz existieren mehrere legitime Schemata.

Schema 1 : Infrastruktur durch alle, Wallboxen durch Nutzende. Am häufigsten. Die gemeinsame Infrastruktur (Leerrohre, Verteilung, Lastmanagement) wird anteilig von allen Eigentümerschaften finanziert. Wer den Stellplatz nutzt, kauft seine Wallbox, wenn er sie braucht. Eigentümerschaften ohne Elektroauto beteiligen sich nur an der Infrastruktur, die die STWE wertsteigernd für alle aufwertet.

Schema 2 : Infrastruktur ausschliesslich durch initiale Nutzende. Restriktivere Variante: Nur wer initial eine Wallbox installiert, finanziert die Infrastruktur. Spätere Beitritte zahlen ein Anschlussrecht. Kurzfristig fairer, langfristig komplexer.

Schema 3 : Vollmutualisierung über Betriebsgesellschaft. Im Wohnsegment selten, in einigen grossen Basler STWE genutzt. Eine (teils externe) Stelle betreibt die Infrastruktur, verrechnet Ladungen, verteilt Erträge. Geeignet bei grossen Gemeinschaften mit Mieterrotation.

In 90 % der Fälle ist Schema 1 am einfachsten zu beschliessen und zu führen.

Kopplung mit kollektiver Photovoltaik

Bei STWE mit bestehender oder geplanter kollektiver Photovoltaikanlage und ZEV verändert die Kopplung mit den Wallboxen die Rechnung.

Intelligente Wallboxen können vorrangig auf den kollektiven Solarüberschuss laden. Der Gesamtverbrauch der Wallboxen (je nach Fahrzeugzahl 30 bis 50 % des Gebäudeverbrauchs) wandert dann grossteils in den Eigenverbrauch — mit sehr tiefen Grenzkosten.

In einer STWE mit 12 Lots, perspektivisch 6 Elektrofahrzeugen und einer 35-kWp-PV-Anlage erreicht der Solaranteil der Ladungen 50–65 %. Bei den 6 Nutzenden ergibt das jährlich 3'000 bis 5'000 CHF Einsparung gegenüber reiner Netzladung.

Diese Synergie ist ein starkes Argument in der Versammlung. Viele zögernde STWE entscheiden sich, sobald beide Vorhaben gemeinsam präsentiert werden.

Zeitplan eines STWE-Projekts

Vom Beschluss bis zur Inbetriebnahme: 4 bis 7 Monate.

Monat 1. Technische Studie der bestehenden Infrastruktur (Sammelverteilung, Netzanschluss). Detaillierte Angebote (idealerweise 2–3 zum Vergleich).

Monat 2. Vorbereitung des Versammlungsdossiers. Abstimmung mit der Verwaltung über die finanzielle Verteilung.

Monat 3. Versammlung, Beschluss, Vertragsabschluss.

Monat 3–4. Anmeldung beim Netzbetreiber, kommunale Bewilligungen falls nötig.

Monat 4–5. Physische Montage. 1–3 Wochen je nach Parkinggrösse und Komplexität der Leerrohrführung.

Monat 5–6. Inbetriebnahme, Konfiguration, Einrichtung der Einzelaccounts.

Monat 6–7. Erste Abrechnungsperiode, allfällige Anpassungen.

Zu vermeidende Stolperfallen

Initiale Leerrohrführung unterdimensionieren. Der teuerste Fehler. Wenn die Leerrohrführung nur 4 Wallboxen vorsieht und in Folgejahren 6 ergänzt werden müssen, müssen Böden geöffnet werden. Besser von Anfang an für 100 % der Plätze planen, auch wenn nur 30–40 % initial bestückt werden.

Geschlossenes Herstellersystem wählen. Manche Marken erzwingen ihr Ökosystem (Wallboxen, Plattform, Verträge) ohne Interoperabilität. Über 15–20 Jahre ein Risiko. Offene Standards bevorzugen (OCPP 1.6 oder 2.0).

Referenzzähler vergessen. Ohne geeichten Zähler pro Wallbox wird die Abrechnung diffus und konfliktanfällig. Ein technisches Detail, das bei schlechter Handhabung in der Versammlung zum Thema wird.

Infrastruktur nicht versichern. Viele STWE vergessen, die Ladeinfrastruktur in die Gebäudeversicherung aufzunehmen. Der Aufpreis ist gering, im Schadensfall (Brand, Vandalismus) aber wesentlich.

Schlechte Kommunikation mit Mietenden. Bei vermieteten Lots bleibt die Eigentümerschaft für die Nutzung verantwortlich. Klare Kommunikation mit Mietenden zu Nutzungsbedingungen und Abrechnung.

Unsere Empfehlung für 2026

Hat Ihre STWE die Wallbox-Frage noch nicht behandelt — jetzt ist der Moment. Vorausschauen kostet 30 % weniger als Aufholen. Für 2026:

  1. Studie jetzt starten, auch wenn noch keine Eigentümerschaft ein Elektroauto hat. Die Leerrohrführung ist ohne Zeitdruck einfacher zu beschliessen.
  2. Eine Infrastruktur für 100 % der Plätze beschliessen, mit initialer Bestückung von 25–40 %.
  3. Mit Solar-Reflexion koppeln, falls das Gebäude ein nutzbares Dach hat. Beide Vorhaben ergänzen sich stark.
  4. Offenen Standard wählen (OCPP), um sich nicht in einem Hersteller-Ökosystem einzuschliessen.
  5. Erfahrenen Installateur im Kollektiv engagieren, nicht einen punktuellen Wohninstallateur. Die Kompetenzen sind nicht dieselben.

Eine wallboxbereite STWE ist ein nachhaltiges Plus für ihre Eigentümerschaften. Schlecht oder gar nicht ausgerüstet, riskiert sie wiederkehrende Konflikte und schrittweise Wertminderung.